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    Vieles gleich und doch auch anders

    EKHN/Lösch

    Marvin Lösch hat es im Frühjahr 2020 gemacht, sein Gemeindepraktikum in der Kirchengemeinde Reinheim. Er war gerade zwischen dem 8. und 9. Studiensemester, als er ins Gemeindepraktikum zum Pfarrehepaar Blanco Wißmann ging. Eines stand für ihn dabei von Anfang an fest: "Ich will auch in der Kirchengemeinde wohnen."

    Eine gute Entscheidung weiß er jetzt, wenige Wochen nach dem Praktikum. „Man ist sofort in der Gemeinde drin!“ berichtet er im Interview. „Ich kann nur jedem dazu raten.“

     

    ASW: Herr Lösch, was war neu für Sie im Gemeindepraktikum?

    Marvin Lösch: Da muss ich kurz überlegen, aber klar: Da war die Kirchenvorstandsvorsitzende. Sie ist begeistert von dem neuen Buchhaltungsprogramm Doppik. Während alle anderen in den Kirchenvorständen nur stöhnen, ist hier eine Frau, die die Haushaltssteuerung klasse findet. Das hat mir einen anderen Zugang ermöglicht und da nehme ich viel für meine Kirchenvorstandsarbeit mit.

    ASW: Sie sind neben dem Studium weiter in Ihrer Heimatgemeinde aktiv?

    Marvin Lösch: Ja, meine Heimatgemeinde war immer ein wichtiger Teil in meinem Leben und ist es bis heute geblieben. Ich wohne nach wie vor zu Hause in Oppenheim, studiere in Mainz und bin dort auch wissenschaftliche Hilfskraft, so dass ich oft die kurze Strecke pendele, um dort in den Büroräumen zu arbeiten. Das ist sehr praktisch. Vielleicht entstand aber auch deshalb der Wunsch, auf Zeit umzuziehen und in der Praktikumsgemeinde zu wohnen.

    ASW: Welche Vorteile hatte das für Sie?

    Marvin Lösch: Ich war bei einer Kirchenvorsteherin untergebracht. Durch sie hatte ich in der Gemeinde sozusagen sofort „einen Fuß in der Tür“. Zum Teil konnte ich mit ihr gemeinsam zu Terminen fahren. Sie ist sehr engagiert in der Kirchengemeinde und auch darüber hinaus und ich konnte das positiv nutzen. Ganz abgesehen von der Vollversorgung, die möglich war. Das Ankommen in der Gemeinde war dadurch leicht. Bis hin zu den Tipps für den Besuch im nahen Darmstadt, war man so schnell in der Lebenswelt der Gemeindeglieder, erlebte den Alltag vor Ort ganz ähnlich wie sie.

    Außerdem ist es eine enorme Zeitersparnis. Ich habe bereits während des Praktikums an meinem Praktikumsbericht arbeiten und meine Predigtarbeit beenden können. Das sollte man nicht unterschätzen. Ich kann das nur empfehlen.

    EKHN/Lösch

    ASW: Was hat Sie am meisten überrascht und gefreut?

    Marvin Lösch: Das es immer wieder Zeit im „Dazwischen“ gab. Ich hatte befürchtet, dass sich im Gemeindealltag ein Termin an den nächsten reiht und man dadurch keine Zeit für Vorbereitung hat. Aber es gab immer ein Dazwischen, um Gedanken zu sammeln, die Vorarbeit zu erledigen.

    Klar, immer gab es auch noch die Verwaltungsarbeit, die aber stärker bei meinem Mentor anfiel. Vor diesem Arbeitsbereich hatte ich großen Respekt. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?

    Vielleicht lag es an meinem Mentor und seiner Frau, die gut organisiert sind. Aber da habe ich mitgenommen, wie wichtig der freie Montag ist. Darauf haben beide immer sehr geachtet. Natürlich gab es auch mal einen Termin, der wahrgenommen werden musste, aber eigentlich ist das die Familien- und Erholungszeit.

    ASW: Ihre Heimatgemeinde ist Oppenheim und das Praktikum fand in Reinheim statt. Beide sind Kleinstädte im Süden unserer Landeskirche. Was war gleich und worin unterscheiden sie sich?

    Marvin Lösch: Zunächst kam mir vieles gleich vor. Die Probleme bei Baumaßnahmen zum Beispiel. Wenn es um die Gebäude geht, dann spielen immer Emotionen eine Rolle. Mitglieder möchten die Gebäude so bewahren, wie sie sie bei Taufe, Konfirmation oder Trauung erlebt haben. Sie sind ihre Erinnerungsorte. Wenn dann plötzlich der Kirchturm aus finanziellen Gründen wieder verschiefert werden soll, löst das Entrüstung aus. In Reinheim ist dieser Turm dann auch noch als Fachwerkturm im Stadtwappen abgebildet. Darf man ihm dann einfach wieder ein Aussehen wie schon einmal vor vielen Jahren geben, woran sich heute niemand mehr erinnern kann? Solche Debatten gibt es in Oppenheim ganz ähnlich.

    Was aber zwischen beiden Kirchengemeinden anders ist, ist die starke Kooperation mit den Kirchengemeinden in der Region. Die Hauptamtlichen und Kirchenvorstände in Reinheim und den umliegenden Orten begegnen sich auf Augenhöhe. Es gibt mehr Absprachen in der Region. In Oppenheim ist St. Katharinen, die bedeutendste gotische Kirche am Rhein zwischen Straßburg und Köln zieht viele Touristen an und hat eine große Strahlkraft auch im Kulturbereich weit über Oppenheim hinaus, da steht die Gemeinde manchmal mehr für sich. Da werde ich jetzt sicher den Kooperationsgedanken aus Reinheim noch einmal verstärkt in meine Kirchenvorstandsarbeit mitnehmen.

    Anders war auch, dass die Kirchengemeinde in Reinheim von einem Erneuerungsdenken geprägt ist. Die ganze Gemeinde nimmt den demografischen Wandel, die organisatorischen Umgestaltungen und strukturellen Veränderungen im Sozialraum wahr und will darauf reagieren. Viele wollen im Kirchenvorstand auch in der nächsten Wahlperiode dabei sein und Neues umsetzen. Das war gut zu beobachten.

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    ASW: Was haben Sie für sich selbst gelernt?

    Marvin Lösch: Ich war bei Pfarrer Dr. Blanco Wißmann und seiner Frau Pfarrerin Blanco Wißmann. Da konnte ich beobachten, dass beide auch unterschiedlich agieren. Es war interessant, verschiedene Herangehensweisen kennenzulernen und diese für mich zu reflektieren.

    Dann war es eine Bestätigung für meinen Weg. Ein besonderer Moment war nach einem Gottesdienst im Altenheim, als Pfarrerin Blanco Wißmann mir die Rückmeldung gab, sie könne sich mich gut im Pfarramt vorstellen. Das war schon toll, so eine Einschätzung zu erhalten.

    Bemerkt habe ich, dass so ein Praktikum ein Schritt hin zu einer neuen Rolle ist. Ich bin seit meinem 13. Lebensjahr ehrenamtlich engagiert, beispielsweise im Seniorenkreis. Klar, als Ehrenamtlicher räumt man mit ab oder „werkelt“ in der Küche beim Aufräumen mit. Als Pfarrer ist das eine andere Rolle. Vom Küchendienst ist man dann befreit. Den Impuls mitzuwerkeln habe ich aber noch in mir.

    ASW: Mitten ihr Praktikum kam der Corona-Lock down. Was bedeutete das für Sie?

    Marvin Lösch: Zwei Dinge fehlen jetzt: Erstens konnte ich meine Predigt nicht mehr halten. Sie war für den Gottesdienst in der letzten Woche geplant und sechs Tage vorher kam der Lock down. Es ist sehr schade, dass ich Predigen auf einer Kanzel so nicht erproben konnte. Zweitens fehlt natürlich die Verabschiedung aus „meiner“ Gemeinde. Meine Gemeinde ist sie in den Wochen wirklich geworden. Vielleicht durch das Mitwirken im Projektchor. Ein Wochenende proben und dann am Sonntagabend das Konzert, das hat mich sehr in die Gemeinde hineingenommen.

    Außerdem gab es noch einige Einladungen zum Mittagessen bei Gemeindegliedern, die nun offen geblieben sind. Gerade diese persönlichen Gespräche waren gut im Praktikum. Herauszufinden, wie kann ich theologisch antworten, wie formuliere ich meine Gedanken klar und nachvollziehbar. Das hat mir Freude gemacht.

    ASW: Vielleicht lassen sich die Einladungen oder auch Ihre Predigt ja nachholen.

    Marvin Lösch: Das kann schon sein, der Kontakt zur Gemeinde, meinen Mentor*innen und meiner Vermieterin besteht jedenfalls noch.

    ASW: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

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