Das Berufsportal der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

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Das Berufsportal der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN)

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    Praktikum in einer anderen Landeskirche

    Kann man eigentlich auch in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ein Gemeindepraktikum machen, wenn man zu einer anderen Landeskirche gehört? Klar kann man das. Wie das so ist, beschreibt die Theologiestudentin Stine Paßlick aus der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, die im Frühjahr 2020 ihr Praktikum in der Erlösergemeinde in Mainz-Kastel absolvierte.

    MachDochWasDuGlaubst (MDWDG): Hallo Frau Paßlick, wieso haben Sie sich entschieden, Ihr Praktikum nicht in Ihrer Heimatlandeskirche zu absolvieren?

    Paßlick: Evangelische Theologie ist mein zweites Studium. Ich habe einen Bachelor in Amerikanistik gemacht und danach erst mit evangelischer Theologie begonnen. So lebe ich schon eine ganz Weile in Mainz, habe hier die EKHN kennengelernt und mir überlegt, das Praktikum in dieser Kirche zu absolvieren. Das ging einigen anderen auch so, die gerade in Mainz studieren.

    MDWDG: Wie haben Sie Ihre Praktikumsgemeinde gefunden?

    Paßlick: Das lief ganz klassisch. Man meldet sich über die Uni für das Gemeindepraktikum an, das hier durch die Kirchliche Studienbegleitung der EKHN organisiert wird. Dann bekommt man einen Fragebogen, auf dem man seine Wünsche eintragen kann. Ich habe mir gezielt eine Mentorin gewünscht, denn ich wollte erfahren, wie es als Frau im Pfarramt ist. Gibt es noch Sexismus oder wie ist das mit der Familienplanung? Gibt es bestimmte Frauen- und Männerrollen in diesem Beruf?

    Dann wurde mir Pfarrerin Kazmeier-Liermann vorgeschlagen und das war ein Super-Matching. Wir haben uns gleich gut verstanden. Es gab immer wieder Reflexionsgespräche, die wechselseitig von uns initiiert wurden. Mal gingen sie von meiner Mentorin aus „Wie hast du das jetzt erlebt?“, mal habe ich Erlebtes hinterfragt „Warum lief das jetzt so ab?“. Da war eine große Offenheit für einander, denn wer aus einer lutherischen Kirche kommt, erlebt Formen und Strukturen in der EKHN schon anders.

    MDWDG: Was hat Sie am meisten überrascht?

    Paßlick: Besonders überrascht hat mich die große Herzlichkeit, die mir die Menschen entgegenbrachten. Klar erwartet man schon freundlich willkommen geheißen zu werden, aber so viel Herzlichkeit hat mich überwältigt. Ich wurde zwei Wochen vor Beginn des Praktikums in einem Gottesdienst vorgestellt und sofort kamen beim anschließenden Kirchenkaffee Menschen auf mich zu. „Toll, dass Sie Theologie studieren. Wir brauchen da junge Menschen und frischen Wind!“ Natürlich gab es gleich Einladungen. Das war für mich sowohl ein herzliches Willkommen, als auch eine Ermutigung zum Studium.

    Wer in einer anderen Landeskirche Praktikum macht, dem fallen die Unterschiede gleich ins Auge. Ich bin eine lutherische Liturgie und Gottesdienstablauf gewohnt und musste mich erst einmal umstellen. Den lutherischen Gottesdienst habe ich als getragener und feierlicher erlebt und auch so manches Liedgut. Da ist man doch schon vorgeprägt, aber es war gut, sich dessen einmal bewusst zu werden. Vor meinem Abitur und bis ich begonnen habe, Theologie zu studieren, spielten solche Unterschiede kaum eine Rolle. Wenn man es dann erlebt, durchdringt man ganz anders, was sie bedeuten.

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    MDWDG: Wovor hatten Sie die größten Befürchtungen?

    Paßlick: Eindeutig vor dem Schulunterricht. Grundschule, so kleine Kinder, wie kann das gehen? Wie vermittle ich ihnen was? Was soll das werden? Doch dann war es toll. Wir hatten eine kleine Lerngruppe mit nur sieben Kindern und ich habe gelernt, wie unterschiedlich die Kinder sind. Jedes Kind wird anders erreicht. Da gab es diejenigen, die die Geschichten verschlungen haben. Wir haben zur Josefsgeschichte gearbeitet. Ein anderes Kind hat dabei jedoch häufig gestört und war unaufmerksam, doch wenn es ans Singen ging, dann war es voll mit dabei. Es erzählte, dass es die Lieder zu Hause auf Youtube immer hört und übt. Mir hat das gezeigt, man kann alle erreichen, aber halt ganz unterschiedlich. Eine tolle Erfahrung.

    MDWDG: Auch in Ihr Praktikum fiel der Beginn der Corona-Pandemie, wie haben Sie das erlebt?

    Paßlick: Die Dynamik der Entwicklung war beeindruckend. In der ersten Woche redeten schon alle von Corona, aber es hatte noch nicht die Ernsthaftigkeit. Da spielten Überlegungen eine Rolle wie, müssten wir etwas beim Austeilen des Abendmahls bedenken? Sollen wir auf den Wein verzichten und nur Brot austeilen? Die Pandemie war noch sehr weit weg.

    Dann kamen die Verschärfungen und plötzlich, nur innerhalb weniger Tage, wurde klar: Wir können gar keine Gottesdienste mehr stattfinden lassen. Dieser Sprung vom recht unbekümmerten Gedanken machen hin zu einer massiven Bedrohung mit enormen Einschränkungen.

    Oder ein anderes Beispiel: In meiner Praktikumsgemeinde gibt es einmal im Jahr einen Partnerschaftsgottesdienst mit der Koreanischen Gemeinde. Davon wurde mir schon vor Praktikumsbeginn erzählt und ich habe mich sehr darauf gefreut, das mitzuerleben. Dann mit den ersten Corona-Entwicklungen tauchten Fragen auf, im Besonderen von koreanischer Seite. In ihrer Heimat war die Entwicklung schon schlimmer und die Sorgen in der Partnergemeinde schon viel größer. Uns fehlte jegliche Einschätzung für die Situation. Ist es übertriebene Vorsicht  oder eine reale Gefahr?

    Solche Situationen mitzuerleben und zu sehen, wie eine Kirchengemeinde, der Kirchenvorstand und die Pfarrerin damit umgehen und zu Handlungslinien kommen, war sehr interessant.

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    MDWDG: Sie haben während des Praktikums nicht in der Gemeinde gewohnt. Wie war das?

    Paßlick: Das war gut zu machen, denn ich brauche mit dem Bus nur 15 Minuten bis in die Gemeinde. Wenn man pendelt gibt es Vor- und Nachteile. Meine Mentorin wohnt auch nicht in Mainz-Kastel. Als sie die Stelle antrat, gab es kein Pfarrhaus. Auch sie pendelt deshalb aus Wiesbaden ca. 15 Minuten mit der Bahn. Sie beschrieb als Nachteil, dass man durch das Pendeln immer versucht, Termine zusammenzurücken, um keine Zwischenzeiten zu haben oder in den Pausen dann nicht so richtig raus kann. Dadurch werden die Arbeitstage manchmal sehr lang. Auf der anderen Seite kann man Dinge auch in der Gemeinde zurücklassen und hat dann richtig Feierabend. Das habe ich auch so erlebt.

    MDWDG: Gibt es noch etwas, dass Sie an Studierende von Ihren Erfahrungen noch weitergeben möchten?

    Paßlick: Es gibt zwei Dinge a) möchte ich alle ermutigen, Dinge offen anzusprechen und b) die Erfahrungen sich gegenseitig zu bereichern.

    zu a) Ich mache mir oft viele Gedanken darüber, etwas offen auszusprechen und befürchte, ich könne jemanden dadurch vor den Kopf stoßen. Im Praktikum habe ich erlebt, dass offene Aussprachen viel leichter sind als ich oft denke. Meine Mentorin hat sich häufig über meine Beobachtungen und Perspektiven gefreut.

    zu b) Diese Episode ist vielleicht sogar ein gutes Beispiel für das eben gesagte: Ich sollte Liedblätter erstellen. Zunächst so, wie es in dieser Gemeinde üblich ist, mit Kopien aus dem Gesangbuch, zusammenschneiden, aufkleben, mit Tipp-Ex die schwarzen Ränder entfernen, dann wieder kopieren, solange bis alles irgendwie auf das Seitenformat passt. Das hat mich eine gute Stunde gekostet, denn normalerweise mache ich das direkt am Computer. Beim ersten Mal habe ich mich nur gefragt, warum das Liedblatt so umständlich produziert wird. Beim zweiten Mal habe ich mich über die Zeit- und Papierverschwendung geärgert und dann beim dritten Mal habe ich meine Mentorin angesprochen. Da war sie ganz perplex, denn für Sie war es die schnellere Herangehensweise. Wir merkten, wir kommen da aus unterschiedlichen Generationen. Digital nativ trifft auf digital immigrant.

    Wir waren schließlich beide überrascht, wie viel wir voneinander lernen können. Insgesamt wünsche ich so viele positive Erfahrungen natürlich allen anderen Studierenden auch. Mir hat es viel Spaß gemacht und auch mein Studium noch einmal bereichert.

    MDWDG: Vielen Dank.

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